1978

Suche nach meiner Leidenschaft

Ich habe früh verschiedene Sportarten ausprobiert, bis ich schließlich das Boxen für mich entdeckt habe – die Leidenschaft, die mich bis heute begeistert. Als erstes versuchte ich mich im Fußball, danach trieb es mich zur Sportart Schwimmen. Als dies dann ebenfalls nicht so ganz meinen Vorstellungen entsprach versuchte ich mich auch in der Leichtathletik, bevor ich letztendlich mit 10 Jahren beim Boxen angekommen bin.

ab 1982

DDR-Meister

 

 

 

Von 1982 an gelang es mir, fünf Jahre hintereinander DDR-Meister im Amateurboxen zu werden – in meiner Gewichts- und Altersklasse. Dieser kontinuierliche Erfolg spiegelt mein Engagement wider. Mit Talent sind viele gesegnet, aber für mich zählte immer der Spruch ,,Fleiß schlägt Talent„.

 
 
 
 
 

1986

Junioren Europa Meister

Unter der Anleitung meines damaligen Trainers Ulli Wegner gelang es mir 1986, bei den Junioren-Europameisterschaften in Kopenhagen den Titel im Halbschwergewicht zu erringen. Die Goldmedaille bestärkte meinen sportlichen Weg und festigte meine Ambitionen im Boxsport.

1988

DDR-Meister der Männer

1988 wechselte ich vom Nachwuchsbereich in den Männerbereich und wurde ab diesem Zeitpunkt von Manfred Wolke trainiert. Noch im selben Jahr gelang es mir, den Titel des DDR-Meisters im Schwergewicht bei den Männern zu erringen. Dieser Erfolg öffnete mir den Weg in die Nationalmannschaft und bot mir neue sportliche Perspektiven auf internationaler Ebene.

1989

Beginn der Profi-Karriere

1989 gewann ich den Chemie-Pokal und die Silbermedaille bei den Europameisterschaften der Männer im Schwergewicht. Kurz darauf ging es mit vielen internationalen Siegen weiter und die Krönung war die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft in Moskau 1989. In demselben Jahr feierte ich meinen 21. Geburtstag, an dem sich nicht nur mein Alter änderte, sondern auch die Möglichkeiten im Sport. Ich hatte die Chance, Profisportler zu werden. Es war nie mein Ziel, Profisportler zu werden, doch unter Manfred Wolke wagte ich den Schritt ins Profilager.

1992

Erster großer Titelkampf

1992 gelang es mir, die Deutsche Meisterschaft im Schwergewicht bei den Profis zu gewinnen – ein wichtiger Meilenstein in meiner noch jungen Profilaufbahn. Im Dezember desselben Jahres stand ich dann zum ersten Mal in einem großen Titelkampf: Es ging um die Europameisterschaft im Schwergewicht gegen Henry Akinwande. Der Kampf endete nach zwölf Runden mit einem Unentschieden. Im Rückkampf 1993 musste ich mich ihm schließlich nach Punkten geschlagen geben. Daraufhin folgten noch einige sogenannte Aufbaukämpfe.

 

 

1995

Tasmanischer Teufel

Im April 1995 trat ich in Las Vegas zu dem wohl bedeutendsten Kampf meiner Karriere an: dem WM-Fight um den Titel der IBF im Schwergewicht – gegen keinen Geringeren als Box-Ikone George Foreman. Inmitten eines rein amerikanischen Umfelds war ich der klare Außenseiter, ein Deutscher in der Höhle des Löwen. Doch im Ring zeigte ich meine stärkste Leistung überhaupt – das sehe ich selbst bis heute so. Ich boxte taktisch klug, bewegte mich viel und ließ Foreman kaum zur Entfaltung kommen. Nach zwölf harten Runden waren viele Experten überzeugt, dass ich den Sieg verdient hatte. Trotzdem erklärten die drei amerikanischen Punktrichter Foreman zum Sieger nach Punkten – ich hätte ihn nun mal eben K.o. schlagen müssen, um zu gewinnen. Die IBF erkannte das Urteil allerdings nicht an und forderte einen Rückkampf. Doch Foreman lehnte ab – mit einem Satz, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: „Gegen den tasmanischen Teufel kämpfe ich nicht nochmal.“ Er legte lieber den Titel nieder, als noch einmal gegen mich zu kämpfen.

 

 

 

Ende 1995

Meine zweite Chance

Im Dezember 1995 bekam ich eine weitere Chance: Der zweite deutsche Weltmeister im Schwergewicht nach Max Schmeling zu werden. Wieder ging es um die IBF-Weltmeisterschaft im Schwergewicht – diesmal gegen den Südafrikaner Francois Botha. Der Kampf fand unter anderem unter der Regie des legendären Promoters Don King statt, welcher gleichzeitig auch Manager von Botha gewesen ist. Seine Präsenz sorgte allein schon für großes Aufsehen. Im Ring lieferte ich mir mit Botha vielleicht nicht den besten Kampf. Mit dem Schlussgong dachte ich, ich habe es geschafft. Nach dem Urteil, dass Botha Weltmeister war und einer (bis heute noch) Rekordeinschaltquote bei RTL mit über 18 Mio. Zuschauern, flogen wahrscheinlich nicht nur in der ausverkauften Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart die Gläser, Flaschen und Stühle. Nach dem Urteil ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich spielte mit dem Gedanken mit dem Boxsport aufzuhören.

Einige schmerzvolle Tage später, kam die offizielle Meldung, dass Botha zum Zeitpunkt des Kampfes gedopt war. Der Titel wurde ihm aberkannt und der Kampf letztendlich als ,,No Contest“ gewertet. Ich wurde erneut nicht Weltmeister.

 1996

Allein im Ring

Das Jahr 1996 begann für mich mit einem tiefen Einschnitt. Nach dem Skandal um den Kampf gegen Francois Botha – der nachweislich gedopt war – ließ man mich fallen – Medien, Sponsoren, viele Wegbegleiter: Plötzlich stand ich ziemlich allein da. Sogar mein damaliger Trainer zog sich zurück und meldete sich eine Zeit lang nicht mehr. Ich trainierte tagelang allein, ohne zu wissen, wie es mit mir weitergeht. Diese Zeit fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Doch eines Tages stand Manfred Wolke mit den für mich komischen Worten „Was würdest du ändern, wenn du noch einmal gegen Botha boxen könntest?“ wieder vor mir. Dann sagte er mir, was mittlerweile offiziell war: Botha war gedopt gewesen.

Mit dieser Nachricht im Rücken und neuer Motivation bereitete ich mich auf meinen dritten WM-Kampf vor. Im Mai 1996 ging es in Dortmund im Westfalenstadion gegen den US-Amerikaner Michael Moorer um den vakanten IBF-Weltmeistertitel im Schwergewicht. Moorer war technisch stark und taktisch clever. Ich hielt dagegen und kämpfte mit Herz und ungebrochenem Willen. Nach zwölf intensiven Runden kam es zu dem knappen Urteil: Sieger nach Punkten (2-1 für Moorer). Wieder blieb mir der Titel knapp verwehrt – doch ich gab nicht auf. Ab dem Moment wurde Boxen für mich zum Geschäft. Es folgten wieder viele sogenannte Aufbaukämpfe mit mehreren verletzungsbedingten Pausen zwischendurch.

1999

Das (vorerst) letzte Mal im Ring

 

Das Jahr 1999 brachte noch einmal ein großes Kapitel meiner Karriere mit sich – auch wenn ich damals schon wusste: Viel Zeit blieb mir nicht mehr im Ring. Mein Körper hatte viel mitgemacht, die Jahre des harten Trainings und der großen Kämpfe forderten ihren Tribut. Doch dann kam das Angebot, gegen einen jungen, aufstrebenden Boxer zu kämpfen: Wladimir Klitschko. Noch war er nicht die Legende, die er später werden sollte – aber jeder, der etwas vom Boxen verstand, sah, was in ihm steckte.

Ich sagte zu. Nicht, weil ich unbedingt noch etwas beweisen wollte – sondern weil ich wissen wollte, was noch in mir steckte. Ob ich es noch einmal schaffen konnte, auf höchstem Niveau zu bestehen. Der Kampf fand in Köln statt, im Juni 1999. Die Halle war voll, das Interesse groß. Viele fragten sich: Hat Schulz noch die Power? Oder ist das Klitschkos große Bühne?

Ich ging wie immer mit Herz in den Kampf. Doch Wladimir war schnell, präzise und technisch auf einem Niveau, das ich so selten gesehen hatte. Ich versuchte, dagegenzuhalten – aber irgendwann musste ich erkennen: Diesen Kampf kann ich nicht gewinnen. Nach vielen harten Kopf- und Körpertreffern wurde der Kampf vom Ringrichter während Runde 8 gestoppt.

Es war ein bitterer Moment – aber auch ein ehrlicher. Ich wusste: Das war’s. Mein Weg im Boxring hatte seinen Höhepunkt überschritten. Doch ich ging für mich mit erhobenem Haupt. Ich hatte gekämpft und nicht aufgegeben.

2006

Das Comeback

 

Viele Jahre lagen hinter mir. Viele Jahre ohne Boxring, ohne die tägliche Routine aus Training, Sparring und Vorbereitung. In dieser Zeit war viel passiert – vor allem privat. Ich hatte geheiratet, wurde Vater, fand ein neues Leben abseits des Sports. Und ehrlich gesagt: Ich genoss es. Keine blauen Augen mehr, keine Schmerzen nach zwölf Runden. Dafür Windeln, Kinderlachen und das ganz normale Familienleben. Es war gut so.

Aber tief in mir drin – da blieb dieses Kribbeln. Diese Frage: War das wirklich alles? Hatte ich nicht vielleicht doch noch einen Kampf in mir?

2006, mit 38 Jahren, traf ich die Entscheidung: Ich komme zurück. Nicht, weil ich glaubte, noch einmal Weltmeister zu werden – sondern für mich. Um ein Kapitel zu beenden, das sich nie ganz geschlossen angefühlt hatte.

Am 25. November stieg ich in Halle, Westfalen wieder in den Ring – gegen Brian Minto, einen zähen, unberechenbaren Mann aus den USA. Die Halle war voll, die Stimmung unglaublich. Viele waren skeptisch, andere einfach nur neugierig. Ich war fokussiert, bereit, allerdings auch sehr nervös – aber vor allem dankbar, wieder da zu sein.

Der Kampf lief nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Minto war schneller, aggressiver, immer einen Tick früher dran. Ich gab alles, was ich noch hatte, aber nach sieben Runden war Schluss – technisches K.o.

War ich enttäuscht? Natürlich. Aber gleichzeitig auch erleichtert. Ich wusste jetzt: Ich hatte es versucht. Ehrlich, aufrichtig, ohne Illusionen. Das war für mich der wahre Sieg.